Eine Nachhaltigkeitsstrategie für die Liegenschaft
Die Nachhaltigkeitsstrategie für die Liegenschaft des Flughafen Tempelhof (THF) wurde zum Jahresende 2025 abgeschlossen. Das Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie ist, bestehende Aktivitäten bei der Immobilienentwicklung in die Projekt-, Investitions- und Betriebsentscheidungen zu integrieren. Damit stellt die Nachhaltigkeitsstrategie kein sektoralorientiertes Nachhaltigkeitsprogramm dar, sondern dient als Steuerungsinstrument für die Entwicklung der Liegenschaft im Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz, Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlichem Auftrag.
Aufbauend auf den Erfahrungen aus dem Betrieb, sowie diversen Studien und Projekten – z.B. Technische Infrastruktur 2030, Ökobilanzierung des Bauteils G2, Sanierungsstudie zur Hangarhüllensanierung – wurden im Jahr 2025 den fünf Handlungsfeldern Maßnahmen zugeordnet.
- Klimaschutz und Energie
- Ressourcenschonung und Zirkularität
- Biodiversität und Mikroklima
- Wohlbefinden und Zugänglichkeit
- Gesellschaftlicher Mehrwert und soziale Teilhabe
Diese Handlungsfelder wurden wirtschaftlich bewertet, priorisiert und in operatives Handeln übersetzt.
Klimaschutz und Energie
Als landeseigenes Unternehmen orientiert sich die Tempelhof Projekt GmbH an den Berliner Klimazielen, bei denen eine Klimaneutralität bis 2045 angestrebt wird. Durch das Projekt TI 2030 können die CO₂-Emissionen zukünftig um bis zu 64 % reduziert werden. Um die verbleibenden CO₂-Emissionen weiter zu senken sind zusätzliche Maßnahmen erforderlich wie die energetische Ertüchtigung der Gebäudehülle sowie die Anwendung eines, energiesparenden Lüftungskonzepts für die Hangars.
Im Jahr 2024 wurden mit den Bürobauten auf der Landseite und den Hangars auf der Luftseite die ersten beiden Gebäudetypologien untersucht. Die Erkenntnisse dieser Untersuchung sind in die Nachhaltigkeitsstrategie eingeflossen.
In einer Studie zur Sanierung des stadtseitigen Bauteils G2 wurde untersucht, wie die Gebäudehülle dieses Bauteils denkmalgerecht, ökologisch, ressourcen- und kostenschonend und emissionsarm ertüchtigt werden kann. Im Rahmen der im Projekt verankerten Lebenszyklusanalyse wurden drei unterschiedliche Sanierungsszenarien untersucht. Daraus wurde ein Sanierungsstandard von 8,5 kg CO₂e/m² pro Jahr abgeleitet. Dieser Wert basiert auf einer Gesamtbewertung von Bestandsgebäude, Hülle, Aufbau (KG 300 + 400) sowie Betriebsenergie. Zum Vergleich: Ein Büro-Neubau-Standard nach QNG gilt als nachhaltig, wenn er maximal 30 kg CO₂e/m² pro Jahr verursacht. Mit der durchgeführten Sanierung kann dieser Wert demnach um rund 70 % unterschritten werden.
Bauteilsanierungen sollen zukünftig eine Lebenszyklusanalysen (Ökobilanzierung) inkludieren und als Grundlagen für Planungsentscheidungen dienen. Darüber hinaus ist ab 2026 geplant, die CO₂-Emissionen des Standorts zu bilanzieren, um eine Verbesserung der erhobenen Daten in zukünftigen Investitionsentscheidungen berücksichtigen zu können.
Eine effiziente Energieversorgung der Liegenschaft ist ebenfalls vorgesehen und als Ziel im Projekt TI2030 verankert. Das 1,2 Kilometer lange südwärts ausgerichtete Dach über den Hangars und des ehemaligen Flughafenvorfelds soll künftig zur Stromerzeugung genutzt werden. Geplant ist eine Photovoltaikanlage mit einer installierten Leistung von 2,5 MW, die jährlich rund 2,4 Millionen kWh Strom erzeugen soll.
Bei den langfristigen Nutzungen in den Bestandsgebäuden werden Low-Tech-Lösungen gegenüber hochtechnologischen Ansätzen bevorzugt. Im Rahmen dieses Low-Tech-Ansatzes wird eine maximale Inwertsetzung der bereits gebundenen grauen Energie angestrebt. Die potenzielle Nutzungsarten werden dafür in den frühen Planungsphasen in einem iterativen und interdisziplinären Planungsprozess mit dem Gebäudebestand und seinen Besonderheiten in Einklang gebracht werden. Dadurch wird eine dem Denkmal ggf. abträgliche Überformung der Bausubstanz vermieden. Das bedeutet, dass beispielsweise Nutzflächen und Verkehrsflächen mit niedrigen Temperaturzielwerten in der Planung definiert und bedient werden, um den Energiebedarf des Bestandsgebäudes weiter zu reduzieren. Bei den Regelgeschossen der Bürobauten werden Nachtluftspülung sowie natürliche Be- und Entlüftung gegenüber mechanischer Be- und Entlüftung bevorzugt. Darüber hinaus soll der Einsatz naturbasierter Materialien gefördert werden, die das Raumklima weiter positiv zu unterstützen.
Der Anspruch der Tempelhof Projekt GmbH zur Reduzierung der Emissionen betrifft nicht nur das ehemalige Flughafengebäude mit seinen einzelnen Bauteilen, sondern auch den Außenraum. Das planerische Ziel ist es, mit Hilfe eines nachhaltigen Mobilitätskonzepts einen autoarmen Standort zu etablieren. Zukünftig gefördert werden soll die Mikromobilität am Standort, also die Verkehrswege auf der 55 ha umfassenden Liegenschaft. Zudem ist eine extensive Ladeinfrastruktur im Rahmen des Projekts TI2030 vorgesehen. Zusätzliche Transformatoren sollen die Versorgung der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge sicherstellen und hierfür eine Gesamtleistung von 1,5 Megawatt bereitstellen. Eine zukünftige nachhaltige Energiegewinnung, die das laufende Projekt TI 2030 bereichern kann, wird derzeit geprüft.
Um die oben genannten Ziele zu erreichen, werden die Nachhaltigkeitsziele der Tempelhof Projekt GmbH verbindlich in Steuerung, Vergabe und Vertragswesen integriert. Nachhaltigkeitsklauseln werden kontinuierlich in Verträgen ergänzt sowie in Ausschreibungen für Planungs- sowie Bauleistungen eingeführt und eine nachhaltige Beschaffung gefördert.
Ressourcenschonung und Zirkularität
Bei der Entwicklung des THF-Flughafengebäudes liegt der Fokus auf der Sicherung und dem Erhalt der denkmalgeschützten Bausubstanz. Im Umgang mit der Bausubstanz gilt der Grundsatz: Erhalten und reparieren statt ersetzen. Türen, Fenster, sowie die weitere Gebäudehülle, werden energetisch ertüchtigt und weitmöglichst erhalten. Bestehende, nicht schadstoffbelastete Materialien werden erhalten und wiederverwendet. Ein Beispiel hierfür ist die Reparatur des historischen Schriftzuges.
Zukünftig soll ein nachhaltiges Ressourcen- und Abfallmanagementsystem entwickelt werden. Im Rahmen des Projekts TI2030 wird ein nachhaltiges Wassermanagementsystem mit einer zentralen Versickerungsfläche in Regenrückhaltebecken errichtet. Auch eine mögliche erweiterte Wasserrückgewinnung aus Grau- und Regenwasser wird zukünftig geprüft. Die Trinkwasserleitungen werden bis 2030 erneuert und Zähler installiert. Anschließend sollen Monitoring und die Optimierung der Nutzung erfolgen.
Zirkuläres Bauen bei Sanierungen, Umbauten und Neubauten soll mitgedacht werden, und durch Kooperationen sollen innovative zirkuläre Ansätze im Bau- sowie im Eventbereich erprobt und im weiteren Schritt skaliert werden. Diese Kooperationen werden bereits im Eventgeschäft erprobt. Die Cradle to Cradle-NGO hat gemeinsam mit zahlreichen Partnern im Rahmen eines Konzerts von Die Ärzte und Die Toten Hosen ein entsprechendes Projekt umgesetzt. Ziel war es zu zeigen, wie bestehende Cradle-to-Cradle-Lösungen eine Kreislaufwirtschaft mit ökonomischen, ökologischen und sozialen Mehrwerten ermöglichen.
Biodiversität und Mikroklima
Im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie wurde eine Klimarisikoanalyse durchgeführt. Diese zeigt, dass der Standort THF in den kommenden Jahrzehnten zunehmend von Klimarisiken wie Hitzetagen, Tropennächten, urbaner Überhitzung sowie Starkregenereignissen und lokalen Überschwemmungen betroffen sein wird. Besonders hitzebelastet sind der Ehrenhof, die Bunkerstraße und das Vorfeld. Ein erhöhtes Überschwemmungsrisiko wurde zudem für die Höfe neben der Haupthalle identifiziert.
Aufgrund des hohen Versiegelungsgrades von 73 % wird die Liegenschaft nicht als zukunftsfähig eingeschätzt, weshalb ortsspezifische Anpassungsmaßnahmen auf allen drei Ebenen – Städtebau- , Außenraum- und Gebäude – erforderlich sind. Dabei sollen insbesondere Mikroklima und Aufenthaltsqualität in den Außenbereichen verbessert sowie Entsiegelung und blau-grüne Infrastruktur im Sinne der Schwammstadt gefördert werden. Zu diesem Zweck soll bis 2035 das 2,4 ha große Versickerungsbecken auf der Liegenschaft entsiegelt werden.
Verbesserungen des Mikroklimas werden sich auch positiv auf den Innenraumkomfort auswirken. Insbesondere ist die Umsetzung von Gründächern auf den stadtseitigen Bauteilen, den sogenannten Blockstrukturen mit Flachdächern, zu prüfen, da diese zur Reduzierung der Raumtemperaturen beitragen können.
Gleichzeitig sollen die biologische Vielfalt und der ökologische Wert gestärkt werden, etwa durch bereits umgesetzte Maßnahmen wie die Wildblumenwiese am THF TOWER. Biodiversitätsförderung soll jedoch nicht auf den Außenraum beschränkt bleiben, sondern auch in den Nachhaltigkeitsklauseln der Beschaffungsprozesse verankert werden.
Wohlbefinden und Zugänglichkeit
Der Flughafen Tempelhof und seine Liegenschaft soll zukünftig ein leicht zugänglicher, inklusiver und einladender Ort sein. Gesundheit und Wohlbefinden der Nutzer:innen werden insbesondere durch eine gesunde Innenraumqualität und eine nachhaltige Mobilitätsstrategie gefördert. Eine Maßnahme hierbei kann die Umwandlung von Parkplatzflächen in attraktive Außenräume mit hoher Aufenthaltsqualität und vielfältigen Nutzungsangeboten sein, wodurch neue Begegnungs- und Aufenthaltsmöglichkeiten für alle Nutzer:innengruppen entstehen.
Ein Mobilitätskonzept wird auf der Basis der Zielvorgaben im Entwicklungskonzept umgesetzt, das sowohl den Gebäudenutzenden als auch den Besuchenden eine sichere und nachhaltige Mobilität ermöglicht. Die Effekte werden in der Verbesserung der Mikromobilität, der Umsetzung von Fuß- und Fahrradwegen und verkehrsberuhigten Ankunftsorten gesehen. Im Bereich der Mikromobilität sind derzeit fünf Jelbi-Stationen auf der Liegenschaft als Teil des Aufbaus der Sharing-Infrastruktur geplant.
Gesellschaftlicher Mehrwert und Soziale Teilhabe
Der Standort entwickelt sich zu einem offenen und inklusiven Lernort, an dem die Verbindung von Denkmalschutz und Nachhaltigkeit erlebbar und der zugrunde liegende Planungsansatz nachvollziehbar wird. Gesellschaftliche Teilhabe wird gestärkt und neue Räume für die Gemeinschaft erschlossen. Die Vielfalt der Nutzungen sowie gezielt geschaffene Nutzungssynergien fördern Inklusion und schaffen Begegnungsorte für Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, gesellschaftlicher Hintergründe und Lebenslagen.
Darüber hinaus ist eine baulich-räumliche inklusiver Ort zu schaffen, indem Barrieren reduziert werden, wo dies wirtschaftlich verträglich und im Einklang mit dem Denkmalschutz umsetzbar ist.
In den letzten Jahren wurden bereits kooperative Projekte am Standort ermöglicht, dazu gehören die Fliegerwerkstatt, Torhaus Berlin e. V. und Floating e.V.
Fliegerwerkstatt
Seit 2013 ist die Fliegerwerkstatt im ehemaligen Flughafen Tempelhof ansässig und bietet Jugendlichen einen offenen Erfahrungs- und Lernort für handwerkliche, technische und kreative Projekte. Das Angebot richtet sich an Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren, die entweder im Rahmen von Schulkooperationen oder in ihrer Freizeit nach der Schule teilnehmen.
Floating University Berlin
Neben diesen Bildungs- und Begegnungsangeboten haben sich auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof in den vergangenen Jahren weitere selbstorganisierte und gemeinwohlorientierte Orte entwickelt. Seit 2018 hat sich die Floating University Berlin in den ehemaligen Versickerungsbecken des Flughafens zu einem etablierten Naturkultur- und Lernort entwickelt.
Torhaus Berlin e. V.
Im selben Jahr bezog das Torhaus Berlin e. V. das ehemalige Wachhaus der amerikanischen Air Force und nutzt es seither als selbstorganisierten Gemeinschaftsraum. 2023 wurde das Gebäude in Kooperation zwischen dem Torhaus Berlin e. V. und der Tempelhof Projekt GmbH energetisch saniert.